
15.07.26 –
Die Debatte um ein Mindestalter für Social Media aus Jugendschutzgründen wird derzeit breit geführt. Doch während weitgehend Einigkeit darüber besteht, dass soziale Medien für Kinder und Jugendliche Risiken bergen, wird insbesondere die Maßnahme eines Mindestalters für Social Media - sprich eines Verbotes für junge
Menschen - kontrovers diskutiert. So sprach sich bereits die BAG Digitales & Medien in einem Positionspapier gegen eine solche Maßnahme aus, da sie wenig evidenzbasiert sei, die Grundrechte von jungen Menschen verletzte und sich pauschal gegen soziale Medien richte, anstatt gegen spezifische, schädliche Plattformarchitekturen vorzugehen. Stattdessen brauche es mehr konsequente Verantwortung für Plattformbetreiber, die Förderung von Medienkompetenz und europäisch koordinierte Lösungen wie den Digital Services Act (DSA). Was jedoch selten Teil der Debatte ist, sind die Auswirkungen der konkreten Maßnahme eines
Mindestalters auf marginalisierte Gruppen und gerade queere Kinder und Jugendliche. Diese Perspektive ist oftmals wenn dann nur eine Randnotiz.
Queergrün befürwortet politische Maßnahmen, um gegen sucht-fördernde Algorithmen vorzugehen und um Plattformen stärker für psychisch belastende oder Hass-schürende Inhalte zur Verantwortung zu ziehen. Aber die Einführung eines Mindestalters für Social Media lehnen wir entschieden ab!
Denn für viele Angehörige marginalisierter Gruppen bieten soziale Medien häufig den einzigen Raum zum Austauschen, Vernetzen und Informieren. Auch heute wachsen viele LSBTQIA+-Kinder und Jugendliche ohne Rückhalt oder Ansprechpersonen in ihrem familiären, schulischen oder sozialen Umfeld auf. Soziale Räume, in denen sie offen und frei sie selbst sein, sich informieren und Fragen stellen können, sind für viele queere Kinder und Jugendliche immer noch keine Selbstverständlichkeit. Darüber hinaus fehlt es in vielen Regionen gerade im ländlichen Raum auch an analoger queerer Infrastruktur in Form von Jugendtreffs, Beratungsstellen, Kulturveranstaltungen oder Aufklärungsprogrammen in der Schule, die bei fehlendem Rückhalt im sozialen Umfeld eine wichtige Rolle einnehmen. Darum bleibt queeren Kindern und Jugendlichen oft nur Social Media, um Teilhabe an queerer Gemeinschaft zu erleben, queere Vorbilder zu finden und auf Aufklärungsinhalte zuzugreifen, die heutzutage oft über Social Media verfügbar gemacht werden.
Ein Social-Media-Mindestalter soll Jugendschutz fördern, nimmt aber vulnerablen queeren Kindern und Jugendlichen auch diese wichtigen digitalen Zugänge zu sozialen Räumen und lässt sie alleine. Das können wir nicht akzeptieren!
Wir stellen nachdrücklich klar, dass politischer Handlungsbedarf besteht, um gerade junge Menschen vor den Inhalten auf sozialen Medien, aber auch vor den Plattform-Mechanismen selbst zu schützen. Hate Speech, toxische Körperbilder, Hass, Desinformation oder süchtig machende Algorithmen stellen ernstzunehmende Bedrohungen für alle Alterskohorten dar, können aber auf junge Menschen in einer transformativen Phase ihrer Entwicklung besonders schädigend wirken. Jedoch darf die Lösung nicht sein, die Verantwortung von den Plattformen sowie den dahinter stehenden Big-Tech-Konzernen, welche mittels Aufmerksamkeitsökonomie Profite machen, auf die Betroffenen abzuwälzen und damit gerade marginalisierte queere Kinder und Jugendliche in vulnerablen Situationen zusätzlich zu belasten, indem man ihnen wichtige digitale Zugänge zu Teilhabe und Information entzieht!
Daher fordert die Dachstruktur Queergrün:
Die Belange queerer Kinder und Jugendliche, wie die anderer marginalisierter Gruppen, müssen in die Debatte um Jugendschutz auf Social Media einbezogen werden. Auch sie profitieren von notwendigen Jugendschutzmaßnahmen für Social Media, die Inhalte stärker regulieren und Plattformen zur Verantwortung ziehen. Aber gesetzliche Mindestalter für soziale Medien lehnen wir entschieden ab!
Stattdessen setzen wir uns für gemeinwohlorientierte, dezentrale öffentliche Netzwerke ein. Dort können Information und Austausch durch geschultes pädagogisches Personal organisiert werden.
Queere Beratungs-, Freizeit- und Kulturangebote für Kinder und Jugendliche sollen insbesondere im ländlichen Raum dauerhaft finanziell abgesichert und ausgebaut werden. Nur wenn analoge Unterstützungsstrukturen vorhanden sind, können Abhängigkeiten von digitalen Räumen und Plattformen der Big-Tech-Konzerne reduziert werden.
Verweis:
Positionspapier der BAG Digitales & Medien: https://gruene-bag-digitales-und-
medien.de/aktuelles/news-detail/beschluss-kein-social-media-verbot-fuer-
jugendliche (abgerufen am 03.07.26)
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